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Der Bauernaufstand

 

Der Fachvortrag wurde gehalten im Colleg Wittenberg - Auszüge aus historischen Dokumenten im Besitz des Verfassers - Betrachtung von Jürgen H. Fricker

Das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ konnte anfangs überhaupt nicht begreifen, was da geschah. Es war vollkommen zufrieden mit sich und seiner Ordnung. Diese Ordnung sah aber so aus: Über allem thronte der Papst! Keinesfalls nur als höchste religiöse, sondern auch als politische Instanz – ständig in Anspruch genommen. Unter ihm drehte sich die Sonne um die Erde und wer daran zweifelte, musste mit dem Feuertod rechnen. Die Menschen verbrachten ihr kurzes Leben in panischer Angst, ob es ihnen gelingen würde, sich für den exklusiven Kreis zu qualifizieren, der im Jenseits zu Füßen Gottes die ewige Seligkeit genießen durfte, während die Masse der Deklassierten im Souterrain des Weltgebäudes – sorgsam auserwählte - Qualen zu erleiden hatten.

Im Diesseits herrschte der Kaiser über die Körper seiner Untertanen, der Papst über die Seelen. Da der Himmel nur an letzterem interessiert war, hatte der Heilige Vater eindeutig die günstigere Position.

Die politische Macht des Kaisers war brüchig, skrupellos und zäh strebten die Reichsten einen immer höheren Grad von Selbständigkeit an. Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren zugleich Landesherren und übten doppelte Gewalt über ihre Untertanen aus. Sie konnten ihnen das Leben auf Erden ebenso zerstören, wie die Hoffnung auf die Erlösung im Jenseits.


Im Deutschen Reich lebten damals rund 16 Millionen Menschen, dreiviertel von ihnen waren Bauern. Die unerträglichen Lebensbedingungen hatten die Menschen, die es gewohnt waren von der Obrigkeit unterdrückt und von der Kirche, die „tätige Nächstenliebe predigte“ ausgebeutet zu werden. Dann aber geschah es auf einmal, dass sie politische Erkenntnisse gewannen, politischen Willen bekundeten, politische Forderungen artikulierten und das geschah zur gleichen Zeit in Sachsen, Württemberg und Kärnten, in Lothringen, Hessen, Thüringen, im Schwarzwald und im Elsass.

Um dieses Phänomen zu verstehen, muss man die Zeit verstehen. Es war die Zeit der Entdeckungen und Erkenntnisse. Columbus entdeckte Amerika, Kopernikus die Abhängigkeit der Erde von der Sonne. Wissenschaftler aller Disziplinen entdeckten die geistige Welt des klassischen Altertums. Die Juristen das römische Recht, die Philosophen die Vernunft, die Künstler den Zauber des nackten menschlichen Körpers. Es war die Zeit des Arztes Paracelsus und des Rechenmeisters Adam Riese. Hans Sachs, der Schuhmacher schrieb in Nürnberg Gedichte und Theaterstücke und Martin Luther – Student der Rechte, Professor der Philosophie, Doktor der Theologie – konnte sich nicht mehr damit begnügen, die Heilige Schrift zu verkünden, er begann sie zu analysieren.

Europa stand auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit zwischen Gotik und Renaissance. Das Wissen suchte sich einen Platz neben dem Glauben. Der Zweifel wagte es, geheiligte Dogmen in Frage zu stellen. Zu Beginn dieser Welle des Erkennens, das sich zwangsläufig in Taten umsetzen musste, mischte sich noch eine Menge Mystik unter die sachlichen Argumente.
Der erste Mann aus der Klasse der Unterdrückten, der als politisches Geschöpf wirkte, tat es anfangs unbewusst und empfand sich nur als Kind Gottes. Er hieß Hans Böheim, war ein Schafthirte aus Niklashausen – im Taubertal in Franken – und kämpfte für die Freiheit der Entrechteten. Der festen Überzeugung, dass die Jungfrau Maria es ihm befohlen habe. Im Juli 1476, kurz bevor Hans Böheim mit 34.000 bewaffneten Männern nach Würzburg ziehen wollte, wurde er von Reitern des Bischofs verhaftet und nach Würzburg in den Kerker gebracht. Nach Drohungen des Bischofs liefen seine Bauern auseinander und wurden, als sie sich in kleine Gruppen versprengt hatten, von den Reitern des Bischofs aufgerieben und vernichtet. Böheim aber wurde in Würzburg – ohne Gerichtsverfahren – zum Tode verurteilt und verbrannt.

So endete der erste Versuch einer sozialen Revolution. Diese spontane Reaktion auf jahrhundertealtes Unrecht, diese fast rauschhafte Erhebung mit unzureichenden Mitteln und unklaren Zielen, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen.

Es fehlte das politische Bewusstsein, es fehlte jegliches Konzept und der schwärmerische Glaube an die Berufung durch die heilige Jungfrau konnte kein Ersatz für eine straffe Organisation sein.

Jos Fritz war nach Hans Böheim der nächste Mann, der sich aus der Masse der Gedemütigten erhob und ihr Anführer wurde. Er stammte aus Untergrombach bei Bruchsal und war noch ein kleiner Junge als die Revolte aus Niklashausen in ihrem eigenen Blut erstickt wurde. Jos Fritz hatte Böheim einiges voraus. Er kannte die „Reformation des Kaisers Sigismund“, eine Hetzschrift aus dem Jahre 1476, die ein anonymer Verfasser – ohne Frage ein hochgebildeter Mann aus dem geistigen Stand – in Umlauf brachte und in der er die katastrophalen Zustände des Reiches analysierte und den Verfall der Ordnung, des Rechts und die Auflösung der kaiserlichen Autorität anprangerte. Jos Fritz besaß damit ein solides, ideologisches Rüstzeug. Er kannte die Bedeutung der Disziplin, denn er hatte als Landsknecht in Frankreich das Kriegshandwerk gelernt. Er konnte lesen und schreiben, konnte denken und formulieren, er war ein Naturtalent mit politischem Spürsinn und von hinreißender Beredsamkeit.

Beim Aufbau seiner Organisation konnte Jos Fritz sich auf die Überbleibsel eines Geheimbundes stützen, die sich aus dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts erhalten hatten. Er hieß der „Bundschuh“. Der Name bezeichnet die traditionelle Fußbekleidung des Bauern, im Gegensatz zu den hohen Reitstiefeln der Ritter. Der Bundschuh hatte eine, für uns heute schwer verständliche symbolische Bedeutung. Er verkörperte die urwüchsige Kraft und Rechtschaffenheit. Immer wenn eine Gruppe von Menschen sich von der Obrigkeit ungerecht behandelt fühlte war es der Brauch einen Bundschuh auf eine Stange zu stecken.

Als Jos Fritz durch die Lande zog und in aller Heimlichkeit Männer für seine Organisation anwarb, wandte er sich zunächst an Veteranen des Bundschuhs von 1493. Die Basis des neuen Bundschuhs waren nicht nur Bauern und Kleinbürger, es waren auch Menschen in Außenseiterpositionen wie Gaukler, Bettler und fahrendes Volk. Diese Menschen waren aufgrund ihrer sozialen Rolle eng aneinander gebunden, pflegten eine Gemeinsprache – das Rotwelsch – und verständigten sich häufig durch Geheimzeichen. Sie bildeten eine straff gegliederte Gesellschaft in die sie keinen Fremden Einblick gewährten. Jos Fritz, der Weitgereiste, hatte Freunde unter ihnen. Diese Leute waren auf der Straße zu Hause und die idealen Meldegänger für einen Mann, der den Umsturz der Gesellschafft plante.


Als im Frühjahr 1502 das Eis auf dem Rhein schmolz, gehörten 7.000 Männer und 400 Frauen zum Bundschuh. Im April 1502 sollte der Kampf mit der Erstürmung des Schlosses Obergrombach und die Besetzung von Bruchsal beginnen. Durch Verrat erfuhren die Bischöfe von Speyer und Straßburg von diesem Vorhaben und bevor die Bauern sich formieren konnten, zerschlugen Reiter der Bischöfe die Organisation des Bundschuhs. Der Mann aber, den die Häscher vor allen anderen am meisten suchten, Jos Fritz, blieb verschwunden. Elf Jahre später, im Oktober 1513, standen mehr als 10.000 Mann bereit, bewaffnet mit Sauspießen, gerade gestellten Sensen und Dreschflegeln, um loszuschlagen und zu siegen. Sie siegten nicht. Wieder wurde durch Verrat die Organisation zerschlagen und die Reiter des Markgrafen von Baden, der Bischöfe von Speyer und Straßburg rieben die kleinen Gruppen der Bauern auf, bevor sie sich zu einer großen Armee versammeln konnten. Jos Fritz entkam abermals und bereitete ungebrochen seinen dritten Schlag vor. Es ist die besondere Tragik dieses Mannes, dass es ihm nie gelang das Instrument, welches er mit so viel Geschick und Zähigkeit schuf, zur rechten Zeit einzusetzen. Im Jahre 1517 wurde sein dritter Aufstand ebenso verraten, wie die beiden vorangegangenen. Wiederum entkam Jos Fritz. Wiederum schwärmten die Häscher aus ihn zu fangen, aber sie fanden ihn nicht. Er trat als Führer nicht mehr in Erscheinung. Neue Männer übernahmen die Organisation, die er geschaffen hatte. Sein Verdienst war es, dass er als Erster den verstreut lebenden Bauern, die ihr Schicksal gottergeben hinnahmen klarmachte, welche wichtige Rolle sie in der Gesellschaft spielten und welche Rechte sich für sie daraus ergaben. Wenn sich auch zu seinem Bundschuh immer einzelne Geistliche und Adlige gesellten, so blieb es Jos Fritz doch versagt, sich mit diesen beiden Ständen zu gemeinsamen Aktionen zusammenzufinden. Obwohl der niedere Klerus und die Ritterschaft von der gleichen tiefen Unzufriedenheit mit den Zuständen im Reich erfüllt waren, wie die Bauern. Es war kein zufälliges zeitliches Zusammentreffen, dass einen Monat nach dem Scheitern des letzten Bundschuhaufstandes der Augustinermönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an die Schlosskirche der Universitätsstadt Wittenberg nagelte, womit er die in Selbstgefälligkeit erstarrte katholische Kirche zwang, sich nicht nur mit ihm, sondern vor allem einmal mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Es ist eine tragische Fehlinszenierung der deutschen Geschichte, dass Jos Fritz und Franz von Sickingen einander nie begegneten. Jeder hätte die ideale Ergänzung des Anderen sein können. Der Bauernführer mit dem erstaunlichen Organisationstalent wäre der Mann gewesen, der dem erfahrenen Heerführer und kaiserlichem Ratgeber, die zu allem entschlossenen Massen hätte zu führen und in ihnen das Verständnis für Ihre Bedürfnisse und Anliegen hätte wecken können. Als Jos Fritz dritter Bundschuh im Jahre 1517 scheiterte, war Franz von Sickingen gerade 36 Jahre alt und jeder im Reich kannte seinen Namen. Er residierte auf den Burgen Landstuhl und Eberburg und unterhielt stets eine kleine Truppe, die er im Bedarfsfall auf eine beachtliche Kampfstärke bringen konnte. Er hatte reichlich Landbesitz und ein rundes Vermögen. Seit frühester Jugend hatte er in Diensten des Kaisers auf allen möglichen Kriegsschauplätzen gekämpft und dabei gelernt, große Truppenverbände zu führen. Dennoch war er keinesfalls nur Krieger. In seinen Burgen lebten ständig die besten Köpfe seiner Zeit: Politiker Theologen, Philosophen und Dichter. Der große Humanist Reuchlin war ebenso Dauergast, wie Ulrich von Hutten. Der glänzende Kanzelredner Martin Buker war sein Hofkaplan. Sickingen hatte den begabten und begeisterten jungen Theologen – einen Freund Luthers – nach Landstuhl geholt. Die dortige Burgkapelle wurde so zu einer der ersten Kirchen Deutschlands, in denen der Gottesdienst nach der neuen Lehre abgehalten wurde.

Das geschah zu einer Zeit, in der die im Bundschuh organisierten Bauern – gut 20.000 an der Zahl – vergebens auf die starke Führerpersönlichkeit warteten, die sich bei Hofe bewegen und dem Kaiser klarmachen konnte, wie die Menschen im Reiche dachten. Aber niemand war da, der Franz von Sickingen klarmachen konnte, dass die Bauern das stärkste Element unter den reformwilligen Kräften darstellten. Am 27. August 1522 schickte Franz von Sickingen dem Erzbischof von Trier einen Fehdebrief und fiel mit 5.000 Kriegsknechten und 1.500 Reitern in das Gebiet des geistlichen Reichsfürsten ein. Nahm Burg Blieskastel im Sturm, eroberte Sankt Wendel und begann am 07. September Stadt und Festung Trier zu belagern. Eine Woche lang lag Franz von Sickingen mit seinen Truppen vor Trier. Dann wusste er, dass seine Kräfte zur Erstürmung der festen Stadt nicht ausreichten. Seine Gegner – die Fürsten formierten sich, seine Freunde aber ließen ihn im Stich, die Verstärkung blieb aus. Enttäuscht brach er die Belagerung von Trier ab und verschanzte sich in seiner Burg Landstuhl. Die Festung war zu klein, um all seine Truppen aufzunehmen. So musste er den meisten ihren Sold auszahlen und sie entlassen. Am 8. Oktober erreichte ihn die Kunde, dass der Kaiser die Reichsacht über ihn verhängt hatte. Der Mann den der Kaiser einst zu seinem Feldhauptmann – damals der höchste militärische Rang – ernannt hatte, stellte nun keine beachtenswerte Größe mehr dar. Im April 1523 schlossen die Fürsten den Landstuhl ein und begannen mit der Beschießung. Am 7. Mai 1523 starb Franz von Sickingen an einer Verwundung, die er 7 Tage zuvor – bei der Beschießung seiner Burg – erlitten hatte. Kein Jahr war seit seinem Tod vergangen, da stand das ganze Reich in Flammen. Da wählten die Bauern Ihre eigenen Hauptleute und ihre Fähnriche entfalteten ihre Fahnen. Sie stürmten Klöster und Burgen, stürmten Städte und Schlösser, drängten zur großen Entscheidungsschlacht. Der Odenwälder Haufe, der Taubertaler Haufe, der Neckartaler Haufe, die Elsässer, die Kärntner, die Thüringer, alle unter verschiedenen Führern – alle im Vertrauen auf den letzten Großen, der noch am Leben war – auf Martin Luther. Für diesen Sommer 1524 hatten Astrologen Not und Tod prophezeit, hatten Hellseher brennende Klöster gesehen, rauchende Scheiterhaufen und Galgen, die sich unter der Last der Gehängten bogen. Seriöse Astronomen unterstützten diese düsteren Vorahnungen mit dem Hinweis, dass Anfang 1524 alle Planeten im Zeichen der Fische stünden, eine außergewöhnliche Konstellation, die den Schluss zulasse, dass der Weltuntergang – zumindest aber eine schreckliche Katastrophe – zu erwarten sei. Zahlenmäßig waren die verschiedenen Bauernheere sehr unterschiedlich. Während die Schwarzwälder unter ihrem Führer Hans Müller von Bulgenbach ca. 6.000 Männer zusammen hatten, waren bei den Unterallgäuern etwa 7.000 Mann, der Baldringer Haufe unter ihrem Führer Ulrich Schmied vereinte 9.000 Mann, der Neckartäler-Odenwälder Haufe – der Georg Metzler zu seinem Hauptmann wählte – und der kurze Zeit danach durch Götz von Berlichingen abgelöst wurde, zählte 8.000 Bewaffnete. Die größte Streitmacht jedoch brachten die Elsässer mit 30.000 Mann, unter ihrem Hauptmann Erasmus Gerber aus Molsheim, ins Feld.

Der militärische Kopf war Florian Geyer. Ein Mann von Mitte 30, aus altem Rittergeschlecht, Großgrundbesitzer, Herr zweier Schlösser, erfahren in Kriegszügen und diplomatischen Missionen, mit besten Verbindungen bis hinauf zum Kaiserhof. Ein Mann, dem es an nichts fehlte. Er hatte sich aus reinem Idealismus auf die Seite der Bauern geschlagen, samt seiner hervorragend ausgebildeten und kampferprobten Elitetruppe der Schwarzen Schar, die den Kern des Neckartal-Odenwälder Haufens stellte. Im Gegensatz zu Florian Geyer hatte Berlichingen keine innere Bindung an die Sache, der er sich anschloss. Er war weder Reformer, noch Gerechtigkeitsfanatiker. 1514 hatte er den „armen Konrad“, den Bauernaufstand im Remstal, blutig niedergeschlagen, was ihn nicht daran hinderte, sich 1525 den Bauern zum Kampf gegen die Fürsten anzubieten.
Am 12. Mai vernichtete der Führer des Schwäbischen Bundes Georg Truchseß von Waldburg, mit 7.000 Mann zu Fuß und 1.500 Mann zu Pferde die vereinigten württembergischen Bauernhaufen mit insgesamt 12.000 Mann bei Böblingen. 6.000 Bauern wurden im Gefecht oder auf der Flucht erschlagen. Gerbers Armee in der Stärke von 30.000 Mann zog von Stadt zu Stadt und unterwarf das Elsass und drang von dort in das benachbarte Lothringen ein.
Herzog Anton von Lothringen, der keinerlei Verständnis für die neuen religiösen Gedanken der Bauern hatte, zog mit einem Heer von 5.000 Söldnern zu Fuß und 6.000 zu Pferde, die er aus Italien, Holland, Frankreich und Spanien angeworben hatte und die nur eines gemeinsam hatten – dass sie ausnahmslos strenggläubige Katholiken waren, gegen die Bauern. Im Mai erreichte die herzogliche Armee Zabern, wo sich Erasmus Gerber mit 30.000 Mann verschanzt hatte. Durch eine List gelang es, die Bauern unbewaffnet aus der Festung zu locken, wo sie von den Truppen des Herzogs überrascht und niedergemetzelt wurden.
Herzog Anton zog sich daraufhin mit dem lothringischen Adel in seine Residenz nach Metz zurück und führte seither den Ehrentitel „Allerchristlicher Fürst“.
Luthers Name war das Reizwort zu jener Zeit in jedem Land. Luther aber, der Mann von dem jeder im Reich gehofft hatte, er würde aus der religiösen Selbstbesinnung die totale, soziale und politische Erneuerung wachsen lassen, der Mann, dem jeder bereit war sein Schicksal anzuvertrauen, hatte sich inzwischen voll etabliert. Er empfand sich ausschließlich als Theologe, lebte nicht schlecht unter dem Schutz seines Landesherren – dem Kurfürsten von Sachsen – und ging außerdem gerade auf Freiers Füßen. Am 13. Juni 1525, als der Bauernkrieg, der die Zukunft des Reiches auf Jahrhunderte hinaus entschied, in Strömen von Blut ersäuft wurde, heiratete Luther die Nonne Katharina von Bora.
Zur gleichen Zeit, während sich Luther vollkommen auf seine theologischen und kirchenorganisatorischen Aufgaben zurückzog, ging in demselben Lande ein Mann, der zu Luthers ersten Anhängern gehörte, den umgekehrten Weg, Pastor Thomas Münzer.



Der Bauernkrieg brachte in den deutschen Gauen eine Reihe starker Führerpersönlichkeiten hervor. Thomas Münzer war in ihren Reihen das vielseitigste Talent. Das „Tausendjährige Reich Gottes auf Erden“ hatte nur 91 Tage Bestand. Pastor Thomas Münzer gründete es, regierte es, schuf die ideologischen Grundlagen, konzipierte die Verfassung und führte sein Volk als Feldherr in die vollkommene Vernichtung.
Mit 6.000 Mann erwartete er in Frankenhausen am Kyffhäuser die Armee des Landgrafen Philipp. Dieser kam mit 1.500 Mann zu Fuß, 350 Reisigen und seiner berühmten Artillerie langsam nach Osten, wobei er keine Gelegenheit ausließ, seine hessischen Städte, in denen auch schon Unruhen spürbar waren, seine schwer gerüstete Streitmacht vor Augen zu führen. Am 29. April besetzte er Fulda, am 03. Mai Hersfeld, am 05. Mai Eschwege. Er ging genau da über die Grenze nach Thüringen, wo heute die Autobahn nach Eisenbach verläuft.
Seine Reiter sicherten die Passstraßen im Thüringer Wald, um die Vereinigung fränkischer und hessischer Bauernhaufen aus dem Werratal mit den Thüringern zu verhindern. Am 11. Mai zog er nach Eisenach ein. Am 12. Mai marschierte Philipp weiter über Langensalza nach Frankenhausen. Unterwegs stießen die Verbände der anderen Fürsten zu ihm.
Am Montag, den 15. Mai, standen sich die Heere am Schlachtberg – unterhalb des Kyffhäusers – gegenüber. Die ersten Salven der Geschütze der Fürsten legten die Wagenburg, hinter der sich die Bauern verschanzt hatten, in Trümmer. Die Kanonenkugeln hatten tiefe Furchen in ihre Reihen gerissen und die Reiter der Fürsten begannen, unter ihnen zu metzeln. Am Ende lagen 5.000 Bauern erschlagen auf dem Feld. In diesem Sommer 1525 brach überall im Reich der Bauernaufstand zusammen, den man besser DEN AUFSTAND DES KLEINEN MANNES nennen sollte oder noch besser, den Aufstand derer, die denken konnten und nicht denken sollten, die über ihr Schicksal selbst bestimmen wollten und über nichts bestimmten durften.


Jürgen H. Fricker

Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Historische Waffen · Mitglied der Gesellschaft für Historische Waffen und Kostümkunde Sachverständiger und Sekretär des Kuratoriums zur Förderung historischer Waffensammlungen